Bildung

Juhu, heute ist Lese(paten)tag!

Lesenlernen leicht gemacht: Lesepaten unterstützen Kinder in Wiener Volksschulen, in Sonderschulen und in Neuen Mittelschulen beim Lesenlernen und profitieren dabei auch selbst von der Freude der Kinder.

Hermann Stipsits kennt die Volksschule in der Selma-Lagerlöf-Gasse in Wien-Favoriten fast in- und auswendig. Bereits seit mehreren Jahren engagiert er sich als Lesepate, mittlerweile ist er gleich in drei Schulen aktiv, kennt die Stärken und Schwächen „seiner“ Kinder und weiß auch um deren Lesemotivation, wie er gerne betont: „Es wäre eine Unterstellung, wenn man sagen würde, Kinder wollen heute nicht mehr lesen. Ich erlebe genau das Gegenteil. Jedes Kind freut sich, wenn man sich die  Zeit nimmt, mit ihm gemeinsam zu lesen.“

Ein bis zwei Stunden ist Stipsits während des Deutschunterrichts in der Schule zu Gast, die Schüler dürfen einzeln zu ihm zum Lesen kommen und streiten sich nicht selten darum, wer als Erster lesen darf. Vorgelesen wird in den meisten Schulen nur zu bestimmten Anlässen, etwa in der Weihnachtszeit oder wenn die Aussprache beim ersten Mal nicht so ganz gelingt – nicht zuletzt, weil viele Kinder ohnehin am liebsten selbst vorlesen.

Befriedigende Aufgabe

Als der ehemalige EDV-Spezialist noch vor seiner Pension arbeitslos wurde, begann er eine Umschulung zum Sozialbegleiter und absolvierte beim Verein Interkulturelle Begegnung und Kulturaustausch in Linz eine Einschulung für Lesetandems. Ein Schritt, den er jedem weiterempfehlen würde, wie er heute erzählt: „Mit über 50 ist es schwierig, noch einmal einen Job zu bekommen, da war mir die Arbeit als Lesepate besonders wichtig. Das ist mein Beitrag an die Gesellschaft. Wenn man arbeitslos ist, oder auch wenn man in Pension ist, ist es wichtig, eine Aufgabe zu haben. Wenn man für andere etwas geben kann, ist das ein gutes Gefühl.“ Mittlerweile ist sein Terminplan gut gefüllt, dienstags liest er gleich an zwei Schulen und wird schon von Weitem freudig vom Lehrpersonal begrüßt. Die Schule, so sagt er, sei für ihn auch ein gutes soziales Netzwerk, er fühlt sich zugehörig und die Termine geben seinem Alltag neben anderen Vereinstätigkeiten eine Struktur, die er nicht mehr missen möchte.

Nicht nur Leseomas und Leseopas

Das Projekt „Lesepatenschaft“ des Wiener Stadtschulrats richtet sich nicht ausschließlich an Pensionisten, im Moment sind nach Angaben des Wiener Stadtschulrats etwa 75 Prozent der ehrenamtlichen Helfer in einer nachberuflichen Phase. „Gerade für Seniorinnen ist die Teilnahme am Projekt eine sehr gute Gelegenheit, sich geistig fit zu halten, einer Freizeitbeschäftigung nachzugehen und dabei ihre Erfahrungen an junge Menschen weiterzugeben“, erklärt Sylvia Lendway, die für die Koordination der Lesepaten beim Wiener Stadtschulrat zuständig ist.
Diese Erfahrung bestätigt auch Susanne Kotschwar-Langer, die seit vier Jahren in der Volksschule Zennerstraße im 14. Bezirk als Lesepatin aktiv ist. Durch ihre Enkelin, die selbst Volksschullehrerin  ist, kam sie in Kontakt mit der Schule und wurde kurzerhand als Lesepatin für eine Mehrstufenklasse engagiert.

Freiwilliger Lesespaß

Der Kontakt mit Kindern und die Freude, die sie beim Lesen mitbringen, sind für sie die schönste Motivation: „Man kann als Lesepatin wirklich auf ein Kind eingehen. Man kann die Ki der beobachten und sieht, wie sie sich freuen, wenn zum Beispiel ein Wort zweimal vorkommt, und ich habe auch das Gefühl, sie freuen sich jedes Mal, wenn ich komme.“ Der Lesestoff wird vor allem anfangs von der Volksschule vorgegeben, den Lesepaten stehen eigene Lesekarten zur Verfügung, mit denen geübt wird. Das Projekt basiert wie in allen Schulen auf Freiwilligkeit, die Kinder lesen nur so lange, wie sie wollen, um den Spaß an der Sache zu erhalten. „Die Kinder können sich ihr Tempo selbst aussuchen. Wenn etwas nicht klappt, dann lese ich ihnen beispielsweise zuerst etwas vor und sie versuchen es später selbst“, erklärt Susanne Kotschwar-Langer.

Einzelkontakt beim Lesen wichtig

Aber nicht nur von den Kindern, auch von Lehrern und der Direktion kommt viel Dankbarkeit für die Lesepaten, die den Kindern ihre Zeit und Aufmerksamkeit schenken und so während der Lesezeit eine noch individuellere Betreuung als im Unterricht ermöglichen, wie auch Schulinspektorin Elisabeth Fuchs vom Wiener Stadtschulrat bestätigt: „Lesen üben hat auch einen Bereich, wo man einen Einzelkontakt oder den Kontakt in der kleinen Gruppe braucht. Die Kinder genießen das unheimlich. Unsere Lehrer sehen das als wunderbare Unterstützung, vor allem, weil sich die Lesepaten sehr individuell mit den Kindern beschäftigen können.“ Gerade in einer Zeit, in der Eltern und Großeltern oft berufstätig sind und zu Hause die Zeit zum gemeinsamen Lesen oder Vorlesen fehlt, seien Lesepaten eine optimale Ergänzung im Schulalltag, so Fuchs weiter. Die Idee zur Lesepatenschaft kam ursprünglich von der Volkshilfe und den Nachbarschaftszentren, die die umliegenden Schulen mit Paten unterstützten. Der Wiener Stadtschulrat hat das Projekt danach übernommen und bis heute erweitert.
Die liebevoll auch als „Leseomas“ oder „Leseopas“ bezeichneten Freiwilligen sind mittlerweile nicht nur in Volksschulen, sondern auch in Neuen Mittelschulen und in Sonderschulen im Einsatz. Zudem werden von der MA 17 auch mehrsprachige Lesepaten gesucht, die mit Kindern mit verschiedenen Muttersprachen das Lesen üben.

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